Eine unserer Ansitzeinrichtungen heißt "am Berg". Geschlossene Kanzel, mit ca 4000qm Wildacker davor, 3 seitig umschlossen von einer Buchenverjüngung die das ganze Areal sanft ansteigend wie ein Wall umgibt. Seit ein paar Wochen treiben sich zwischen 3 und 5 Überläufern konstant "am Berg" rum. Regelmäßig findet man frische Losung, als der Schnee noch lag fand man die Fährten, der Wildacker wird Stückchen für Stückchen auf links gedreht, die Kirrung bleibt erstaunlicher Weise unangetastet. Zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten tauchen die Schwarzkittel dort auf. Sie wurden Morgens, Vormittags, Nachmittags gesichtet, oder kommen mitten in der Nacht. Sie kommen wie üblich immer dann wenn dort niemand von uns ansitzt.
Gestern fand ich wieder frische Losung und ein paar mehr frische Wühlstellen, die Kirrung war angenommen. So beschließe ich denn mal zu einer ganz unkonventionellen Zeit anzusitzen. Punkt 01.00 sitze ich in der Kanzel, bereit bis 05.30 zu bleiben. Dann beginnt der Berufsverkehr, viele LKW`s fahren zur Bauschuttdeponie und in die nahe gelegene Sandgrube. Ansitzen macht dann keinen großen Sinn mehr.
Dank Halbmond habe ich ausreichend Licht, trotz seiner flachen Umlaufbahn ist es hell genug um einer Sau auf 30 Meter einen sicheren Schuß anzutragen. Die Nähe der "am Berg" zur Zivilisation mit all ihren Lichtern tut ihr Übriges und erweißt sich in dieser Situation als willkommene Hilfe.
Kurz nach meinem Einzug "am Berg" höre ich Schritte im Laub der Buchenverjüngung. Es dauert fast eine halbe Stunde bis sich der Verursacher aus seiner Deckung traut und auf dem Wildacker erscheint. Es ist ein Rehbock. Ein propperes Kerlchen. Der Winter scheint ihm nicht viel ausgemacht zu haben. Obs ein junger oder ein alter ist? Wer weiß das schon so genau. Er schlendert über die durch den Winter abgestorbene Äsungsfläche, zupft mal hier, schlägt mal da etwas Äsung frei. Er verschwindet wieder in der Verjüngung, taucht wieder auf, völlig vertraut äst er vor sich hin bis er entgültig verschwindet.
Nach dem Abzug des Bockes dauert es nicht lange bis ich wieder etwas höre. Ein Rascheln und Kruscheln, Äste brechen, immer näher kommt das Geräusch, ich höre wie "Jemand" schmatzt. Nur nicht bewegen jetzt. Erstarrt sitz ich da und lausche, versuche das Geräusch besser zu lokalisieren. Plötzlich ist alles wieder ruhig. Ich bleibe angespannt und harre der Dinge. Als ich schon nicht mehr damit rechne den Verursacher dieser sehr vielversprechenden Laute zu Gesicht zu bekommen, fällt plötzlich und unvermutet ein rießengroßer, dicker Dachs aus der Dickung links von mir und geht im Wildacker auf Nahrungssuche. Der Dachs ist so kräftig das er es sogar schafft die schwere Kirrtrommel zu bewegen. Auch er scheint den Winter ohne groß Hunger zu leiden überstanden zu haben. Ein wunderschöner Bursche so ein Dachs. Nichts desto trotz, sobald Dachse wieder Jagdzeit haben wartet mein Räucherofen darauf einen Dachsschinken zu produzieren…Lange Zeit leistet mir Herr Grimmbart Gesellschaft. Kruschelt mal hier, schmatzt mal da. Irgendwann entfernt sich sein Schmatzen und Kruscheln und es wird wieder still "am Berg".
War es das dann? Ein Blick auf die Uhr sagt mir das es exakt 04.15 ist. Ein wenig Zeit bleibt noch. Ein leichtes Lüftchen kommt auf, Gott sei Dank nicht zu meinen Ungunsten, eine Amsel beginnt plötzlich empört Zeter und Mordio zu schlagen und ich kipp vor Schreck fast vom Sitzbrett. Komisch, als der Dachs so brachial aus dem Gesträuch gebrochen kam bin ich weit weniger erschrocken wie jetzt als diese Amsel plötzlich Alarm schlägt. Liegt bestimmt daran das man in der Nacht mit einem eher dämmerungs/nachtaktivem Tier wie der Dachs einer ist wohl eher rechnet und sich gedanklich darauf einstellt als mit einer tagaktiven Amsel.
Das Gezeter der Amsel zu nachtschlafender Zeit hat einen Grund. Der Grund ist lang, schmal, ist rot und etwas zerzaust, hat spitze Ohren und eine schöne, buschige Lunte. Reinecke schaut mal vorbei. Dem Fell nach zu urteilen eine säugende Fähe. Das die jetzt schon ihre Welpen verläßt und selbst auf Beutezug geht? Ist`s doch ein Rüde der sich schon im Fellwechsel befindet oder gar räudig ist? Egal was es ist, Fuchs ist jetzt tabu solange er nicht komplett räudezerfressen und somit schwer krank ist. Seelenruhig mäuselt er auf Schrotschußdistanz vor sich hin. Ein wenig grummel ich ja schon. Den ganzen letzten Herbst/Winter hab ich auf so eine Möglichkeit gehofft und gewartet, brauch ich doch immer noch einen gesunden Schrotfuchs für meinen 4-läufigen Nachwuchs. Gleichzeitig muss ich auch schmunzeln über seine Mäuselsprünge. Er macht auch Beute, die er seelenruhig, mit dem Blick zu mir, verspeist. Über das Füchslein habe ich völlig die Zeit vergessen.
Als die ersten gefiederten Frühboten den Beginn des neuen Tages einleiten und es langsam heller zu werden beginnt, schaue ich auf meine Uhr. 05.35, Zeit abzubaumen und "am Berg" für dieses mal den Rücken zu kehren. Eine schöne Ansitznacht ohne Beute doch trotzdem irgendwie erfolgreich geht zu Ende. Mögen noch viele Nächte dieser Art folgen.